Der Psycho Komplex

Es war ein wunderschöner und sonniger Samstag im August, der mich schon früh am Morgen mit  sehr angenehmen Temperaturen und einem strahlend blauen Himmel begrüßte. Leider musste meine Sibylle auch heute wieder arbeiten und das bedeutet, mein kleiner Pinscher und ich müssen ohne unser geliebtes Frauchen die Welt auf den Kopf stellen. Doch zuerst noch schnell Gassi gehen im Park, damit mein Bandido seiner Revier Pflege nachgehen kann.

Im Park hat mein Zwergpinscher dann zwei sehr interessante Hunde Damen kennen gelernt und mit ihnen ausgiebig geflirtet. Während er seinen Spaß mit den beiden hatte, habe ich mir derweilen überlegt was wir heute so alles anstellen könnten. Zuerst wollte mir partout  nichts einfallen, doch dann erinnerte ich mich an einen Bericht, den ich vor längerer Zeit gehört hatte. Dabei ging es um einen Gutshof der schon rund 1000 Jahre alt sein soll und nun als unheimliche Ruine in der Landschaft steht.

Dieser Gutshof ist nicht weit von Schweinfurt entfernt und wurde das erste mal um das Jahr 1069 urkundlich erwähnt. Zwar ist das Anwesen schon teilweise abgerissen, bzw. eingestürzt, aber er soll immer noch sehr interessant für „Lost Places“ Fotografen sein. Und so beschloss ich, dass wir heute dorthin fahren und uns die Sache mal ansehen. Den Namen des Ortes hatte ich auch noch deutlich im Kopf… “Öttershausen“

Ich packte nach dem Frühstück etwas zu trinken und eine Taschenlampe in den Rucksack, dann schaute ich nochmal schnell ins Internet um zu sehen wo dieser Ort denn genau zu finden ist. Ich hatte nach kurzer Zeit alles was ich wissen musste gefunden und mir den Streckenverlauf dorthin gut eingeprägt.

Jetzt wollte ich das schöne Samstag Morgen Wetter aber auch voll ausnutzten. Deswegen fuhren wir mit unserem kleinen Smart zuerst noch  ins Russenviertel um die Ecke. Denn genau dort steht unser "Hobby Auto" in einer sicher verschlossenen Einzelbox einer russischen Sammelgarage und wartet auf gelegentliche Ausfahrten. Wir stiegen dann schnell, von unserem „Smart fortwo“ in einen „Mercedes SLK“ um. Natürlich öffnete ich bei diesem Traumwetter sofort das elektrisch versenkbare Dach und dann starteten wir gut gelaunt in ein neues Abenteuer.

Nach gemütlichen 20 Minuten Fahrt mit „Angeber Auto", erreichten wir die Ortschaft „Kolitzheim“. Laut dem Kartenausschnitt in meinem Kopf, mussten wir jetzt etwa 1 Kilometer nach dem Ort rechts abbiegen und dann nochmals ca. 2 Kilometer fahren um die Ruine zu erreichen. Die Spannung stieg langsam an, denn ich bin hier schon so oft unterwegs gewesen, aber an eine Straße die rechts abzweigen sollte? Daran konnte ich mich nicht erinnern. Aber wirklich, nach 2 Minuten Fahrt kam wahrhaftig ein asphaltierter Weg der rechts abbog. Voller Freude und gleichzeitiger Verwunderung, setzte ich den Blinker und fuhr die Straße entlang.

Und da erblickte ich den Gebäude Komplex auch schon in der Ferne. Auf den ersten Blick erinnerte mich seine Silhouette irgendwie an ein Kloster. Das muss es sein dachte ich mir und mit jedem Meter den wir näher kamen, erkannte man es deutlicher. Der dunkle Gebäude Komplex war riesig und wirkte auf mich sehr unheimlich und bedrohlich. Irgendwie empfand ich schon beim betrachten sehr großes Unbehagen und überlegte für einen kurzen Moment ernsthaft, ob ich vielleicht lieber mit meinem Hund zum Baden gehen sollte anstatt hier auf Entdeckungsreise zu gehen.

Wir parkten unter einer kleinen schattigen Baumgruppe, direkt am Zugang zur Ruine. Der Weg der zu diesem Gehöft führte, wirkte  auf mich wie aus wie aus einem Horror Film. Es war ein schmaler Weg der sich wie eine Schlange durch das Gelände legte. Jemand der sich hierher verirrte ließ der Weg er nur eine einzige Wahl, nämlich ihm zu folgen. Und am Ende des Pfades stand das mächtige Gebäude auf einer großen Wiese mitten in der trostlosen Gemarkung. Alles erinnerte mich jetzt mehr an eine herrschaftliche Villa, die einsam in den Baumwollfedern von Louisiana steht. Es fehlten nur noch die großen Bäume rings um das Haus mit den typischen Moosflechten daran.

Im selben Moment, als wir aus dem Auto ausgestiegen sind, spürte ich auch schon diese starken „Schwingungen“ die von diesem Gebäude ausgingen. Bei solch alten Bauwerken umgeben mich immer Ahnungen und Stimmungen von früher. Ich bilde mir ein, irgendwie die Vergangenheit zu spüren. Oder besser gesagt die wichtigen und schönen, aber auch die schlimmen und bösen Ereignisse vergangener Tage zu empfangen. Diese Ereignisse haben einen „Marker“ in der Zeit hinterlassen und ich kann diese „Marker“ hier ganz deutlich spüren.

Ich weiß, es hört sich komisch an, aber ich spüre deutlich ob die guten oder die schlimmen Ereignisse überwiegen. Und hier konnte ich die starke Energie von damals spüren und hatte plötzlich sehr dunkle Eingebungen. Es überkam mich eine sehr große Trauer und Mitgefühl. Ich bin mir sicher, dass sich hier vor langer Zeit gewaltige Dramen abgespielt haben müssen. Und je näher wir dem Gebäude kamen, desto mehr Trauer und und Schmerz konnte ich Empfinden. Mein ganzer Körper vibrierte, in den Ohren hatte ich einen tiefen Ton und in meinem Mund schmeckte ich einen metallischen Geschmack. Das alles waren Anzeichen von den Schwingungen der "Marker"

Mein kleiner Hund allerdings, war bester Dinge. Er spurtete Scheinangriffe gegen imaginäre Monster und Drachen und zeigte mir hin und wieder auch stolz seine Beute. Er sprühte vor Übermut und der Lust am spielen. Dabei bellte er zwischen seinen Sprüngen immer wieder vergnügt auf und erlegte dabei jedes mal neue Feinde. Mal kam er mit einem großen Wolf im Maul zu mir, mal wieder mit einem gewaltigen Bären. Aber ich ließ mich von Bandido nicht so leicht täuschen, denn beim genauerem betrachten seiner Beute erkannte ich den Betrug. Es handelte sich immer nur um Heuschrecken und kleinere Stöckchen die er mir zeigte. Ihr seht also, mein kleiner Partner hat mindestens genau soviel Fantasie wie ich.

Und da stand sie nun vor mir und zeigte sich bedrohlich und zugleich warnend. Die Ruine mit den teilweise eingestürzten Mauern und den leeren und dunklen Fensterscharten die stumpf in die Ferne blicken. Aus dem Dach und den Spalten wachsen Bäume und lassen ihr Alter nur erahnen. Ich wurde sehr still, denn die „Schwingungen“ wurden stärker und wollten mir irgend etwas erzählen. In meinem Kopf bildeten sich so viele Bilder und Ahnungen ab, die alle nichts gutes verhießen.

Die Eingänge zu dem Bauwerk sind teilweise vergittert und sollen wohl vor Eindringlingen schützen. Allerdings sind einige der Gitter aufgebrochen. Aber der Zugang zu dem Gebäude ist durch aufgerissenen und eingestürzte Mauerspalten sehr leicht möglich. Wenn man vorsichtig an diesen Mauern entlang läuft, dann sind seltsame Geräusche aus dem inneren zu hören. Der Wind verirrt sich in den unzähligen Gängen, Zimmern und Winkeln. Dabei erzeugt er teilweise einen klagenden Ton und auch aus den Gewölben der mächtigen Keller, sind Töne zu hören, die jemanden mit wie mich zum schaudern bringen. Aber irgendwie müssen meine Gedanken doch auf einer richtigen Spur sein, denn mein Partner Bandido hatte urplötzlich auch einen seltsamen Gesichtsausdruck bekommen. Und ich konnte erkennen wie sich sein Fell im sträubte. Dieses war immer ein sehr guter Indikator für Gefahr, oder zumindest dafür Vorsicht walten zu lassen.

Schließlich verstieß ich wieder einmal gegen alle Gesetze und betrat das Gebäude an einer Stelle die mir halbwegs sicher erschien. Und ab hier schnürte es mir bei jedem Schritt ins innere, meine Kehle etwas mehr zusammen. Denn das jammern und wehklagen aus dem Labyrinth der Gänge, Zimmer und Stockwerken wurde immer intensiver und lauter. Ich spürte beim Anblick der Zimmer und Gänge viel Leid und Schmerz und konnte deutlich den Tod fühlen, der hier früher oft zu Gast war.

In diesem Teil der Ruine waren jedenfalls keinerlei Anzeichen von Freude zu spüren. Irgend etwas böses musste sich vor sehr langer Zeit hier abgespielt haben. Ich wollte dann nicht mehr weiter ins innere vordringen, denn meine Sorge um die Sicherheit meines kleinen Hundes wurde zu groß. Überall waren gefährliche Löcher im Boden und geheimnisvolle Spalten in den Mauern und so drehten wir wieder um. Allmählich wurden auch die bösen Bilder in meinem Kopf zu heftig und zogen mich in ihren Bann. Ich suchte und fand dann schnell einen Ausgang nach draußen ans Licht.

Ich kann mich nicht erinnern, in letzter Zeit solch schlimme empathische Gefühle empfunden zu haben. Es war für mich Stress pur und ich litt sehr unter dieser Stimmung. Draußen angekommen wurde ich endlich wieder von der Sonne und dem strahlend blauen Himmel empfangen. Ich setzte mich erst einmal in das grüne Gras und streichelte meinen kleinen Hund. Dieser spürte meine Beklemmung und drückte sich ganz nah an mich heran um mir etwas von meiner Last abzunehmen. Nach einer Weile, hatte sich meine innere Unruhe wieder etwas gelegt und wir verließen diesen für mich sehr, sehr schlimmen Ort wieder.

Wir fuhren weiter in den Kitzinger Raum, zum „Hörblacher Badesee“. Dort streckten wir erst einmal unsere Füße in kühle Nass und genossen den restlichen Vormittag. Mein Bandido freute sich darüber sein Herrchen wieder für sich alleine zu haben und ich freute mich darüber, den vielen fröhlichen Menschen beim baden zusehen zu dürfen. Und endlich lösten sich auch die letzten Reste der dunklen Bilder in meinem Kopf wieder vollends auf.